Aus dem Leben pflegender Angehöriger

Entscheidung Altersheim: Bericht einer Angehörigen

Ich wohnte weit weg vom Alters- und Pflegeheim (APH), in dem unsere Mutter betreut wurde und konnte sie deshalb nicht so häufig besuchen. Als 59-jährige Tochter einer 2017 an Demenz verstorbenen Mutter blicke ich auf sieben Jahre intensiver innerer und äusserer Arbeit zurück.

Unsere Mutter war im Alters- und Pflegeheim (APH) in guter Pflege, ich habe also keine pflegerischen Aufgaben erfüllt. Ich habe sie jedoch intensiv begleitet und war in schwierigen Zeiten emotional für sie da. In ihrem dritten Jahr der Demenz durchlebte sie ein schweres Jahr, in dem sie sehr häufig nach ihrem Mann (meinem Vater) fragte, der sich in den 70er Jahren das Leben genommen hatte. Fast täglich fragte sie nach ihm und machte mir Vorwürfe, weshalb man ihr bisher nicht gesagt habe, dass er nicht mehr lebe. Ich hatte für das Pflegeteam einen Lebenslauf verfasst, in dem die Geschichte meiner Mutter niedergeschrieben war. Alle Menschen, die sie durch Tod verloren hat, sind darin erwähnt. So konnte das Team Reaktionen meiner Mutter zumindest ein Stück weit leichter einordnen. Dass der betreuende Hausarzt aber die Zusammenarbeit mit uns Angehörigen verweigerte bzw. nur mit meiner Schwester kommunizierte, erschwerte diese Zeit zusätzlich. Er war nicht dazu bereit, sich mit meinem Bruder oder mir auszutauschen. Für mich war es sehr schwer, einerseits involviert zu sein und doch nur beschränkt etwas bewirken zu können.

Runde Tische: Zusammenarbeit leichter gemacht

Erst ein Hausarztwechsel, den ich in Zusammenarbeit mit dem regionalen psychiatrischen Dienst organisieren konnte, brachte Entlastung. Der neue Geriater (Spezialist für die Behandlung alter Menschen), der fortan für meine Mutter da war, arbeitete sehr professionell. Runde Tische, die er zusammen mit dem Gerontopsychiater (Spezialist für psychische Alterserkrankungen), dem Pflegedienst des APH, dem Heimleiter und einer Ansprechperson aus dem Pflegeteam zusammen mit mir und meinen Geschwistern durchführte, brachten die Betreuung auf eine professionelle Ebene. So konnte zu gegebener Zeit auch ein Palliativ-Care-Plan erstellt werden. Leider schafften es meine beiden Geschwister nie, gemeinsam am Runden Tisch teilzunehmen, die einzige Konstante war ich. Das bedauerte ich sehr, aber ich fühlte mich durch die Runde und durch den Kontakt mit dem Arzt und dem Pflegeteam sehr gut unterstützt.

Ent- und Belastung

Für mich waren die Runden Tische sehr wichtig, hier konnten gemeinsame Beschlüsse gefasst und für schwierige Zeiten vorgesorgt werden. Während einer schweren Krise konnte meine Mutter so für zwei Wochen im Spital betreut werden. Ich habe durch das Einrichten der Runden Tische viel Entlastung erfahren. 

Sehr belastend waren und sind für mich die geschwisterlichen Beziehungen, die seit dem Tod unserer Mutter noch konfliktreicher geworden sind. Wir drei sind, nach dem Suizid unseres Vaters, welcher in der Familie nie verarbeitet werden konnte, alle auf persönliche Weise belastet. 

Tröstlich ist für mich, dass ich meine Mutter während all der Jahre im APH trotz grosser räumlicher Distanz etwa einmal im Monat habe besuchen können. In Krisenzeiten war ich häufiger zu Besuch und in Zeiten, in denen sie nach mir suchte, telefonierten wir täglich. 

Abschied nehmen

Besonders gerne habe ich die Erinnerungen an Weihnachten. In den letzten sieben Jahren habe ich diese Feiertage bei ihr verbracht. Ich erinnere mich, wie wir zusammen Guetzli gebacken haben und sie diese stolz in Döschen gelegt hat, die ich für ihre Kinder und Enkelkinder vorbereitet hatte. Dankbar bin ich für die tiefen Gespräche, die wir führen konnten, selbst bei stark fortgeschrittener Demenz. Seelisch war sie immer da, das war für mich spürbar. Drei Tage vor ihrem Tod haben wir mit Singen und einander Halten nochmal innige Stunden erleben dürfen. An ihrem Sterbebett habe ich gebetet und gesungen, das lässt mich getröstet zurück.

Schuldgefühle? Nein, das habe ich nicht. Seit meinem 19. Lebensjahr bin ich berufstätig, habe nie eine eigene Familie gehabt und die Arbeit an erste Stelle gestellt. So stand es für mich nie zur Diskussion, meine Mutter selbst zu pflegen. Ich litt dann, wenn ich den Eindruck hatte, dass meine Mutter durch eine Pflegerin nicht verstanden wurde, zum Beispiel wenn ihr aggressives auf den Tisch Schlagen mit «Das tun halt demente Menschen» erklärt wurde. 

Sehr glücklich war ich, wenn ich von einer Pflegerin hörte, dass sie bei meiner Mutter am Bettrand gesessen und mit ihr geplaudert hat. Das half ihr beim Einschlafen. 

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