Wer sich kennt, kann besser helfen

Erschöpfung erkennen und Unterstützung annehmen

Durch die Hilfe, die sie leisten, gelangen viele pflegende Angehörige ans Limit. Wie lässt sich ein Gleichgewicht zwischen der Unterstützung pflegebedürftiger Familienmitglieder und den eigenen Bedürfnissen finden?

Wissen wir wirklich, was uns veranlasst, Angehörige zu unterstützen, die auf Pflege angewiesen sind? «Weil er mein Vater ist!», «Weil sie meine Frau ist!», «Aus Solidarität!», «Aus Liebe!», «Diese Frage habe ich mir nie gestellt. Ich muss das einfach machen...». Jeder hat seine eigenen Gründe, über die nicht geurteilt werden soll. Doch manchmal ist es gut, sie zu verstehen, um einen Schritt weiterzukommen. 

Unterdessen ist bekannt, dass die Hälfte der pflegenden Angehörigen irgendwann an ihre Grenzen gelangen. Und bei einem Drittel treten gesundheitliche Probleme auf, bevor sie externe Hilfe in Anspruch nehmen. Was bringt Angehörige dazu, sich bis zur völligen körperlichen und psychischen Erschöpfung einzusetzen und krank zu werden, bevor sie Unterstützung suchen? Auch auf diese Frage gibt es verschiedene Antworten. Die meisten Angehörigen, die sich an die psychologische Beratungsstelle für pflegende Angehörige (CPA) in Lausanne wenden, erklären jedoch, sie hätten keine andere Wahl: Sie müssten einfach durchhalten. Es scheint für sie keinen Ausweg zu geben. 

Dabei wissen wir eigentlich, dass wir weiter kommen, wenn wir uns selbst Sorge tragen. An sich möchten pflegende Angehörige die geliebte Person möglichst lange betreuen. Einigen gelingt es jedoch nicht, ein Gleichgewicht zwischen den Anforderungen, die der andere an sie stellt, und den eigenen Bedürfnissen zu finden. Sie verzichten darauf, sich auszuruhen und abzulenken, zwischendurch loszulassen, Hobbys zu pflegen und sich körperlich zu bewegen, um Druck abzubauen. Wir wissen auch, dass die Möglichkeit einer pflegebedürftigen Person, zu Hause zu bleiben, direkt vom Gesundheitszustand der pflegenden Angehörigen abhängt. Wie lässt sich ein Gleichgewicht finden zwischen der Energie, die wir geben, und der Energie, die wir erhalten? Ohne dieses Gleichgewicht kann kein Lebewesen überleben.

Nicht immer kennen wir die tieferen Gründe, die uns veranlassen, zu weit zu gehen, manchmal bis zur Selbstaufgabe.

Wie ein Eisberg haben wir einen Teil «oberhalb des Wassers», der von aussen gut erkennbar ist, und einen oft sehr grossen verborgenen Teil, der «unter Wasser» liegt. Bei jedem von uns laufen gewisse Dinge bewusst und andere unbewusst ab. Das Unbewusste gehört zu unserer Innenwelt, die zwar verborgen ist, aber viele unserer Entscheidungen und Handlungen bestimmt. Manchmal haben wir widersprüchliche Wünsche oder Gedanken, die uns erstaunen, die wir nicht immer verstehen und die unangenehm sein können. Das können Schuldgefühle, Scham, Wut, Angst, ... sein. Diese Gefühle veranlassen uns oft dazu, zu weit zu gehen und nicht mehr auf unsere grundlegenden Bedürfnisse zu achten: schlafen, gesund essen, soziale Kontakte pflegen, …

In der CPA begegnen wir verzweifelten Menschen, die nicht mehr weiter wissen. Sie sind erschöpft, am Rand ihrer Kräfte und deprimiert, weil sie sich nur noch der Betreuung ihres Angehörigen gewidmet haben. Manchmal gelingt es ihnen auch nicht mehr, die Situation und ihre Empfindungen aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Sie scheinen in der Realität (Behinderung, Krankheit…), aber zuweilen auch in sich selbst und ihren Gefühlen gefangen zu sein.

Es scheint sehr wichtig zu sein, die Situation aus einer gewissen Distanz zu betrachten und mit Fachpersonen darüber sprechen zu können. Denn der Blick von aussen hilft, die eigenen Grenzen zu hinterfragen, zu erkennen und besser zu beachten.

Freunde sind sehr wertvoll, können jedoch den Blick von aussen nicht ersetzen. Dieser ermöglicht es, auf Distanz zu gehen, Entscheidungen zu hinterfragen und die schwierigsten Fragen anzugehen: Schuldgefühle, Bedürfnis nach Anerkennung, geringes Selbstwertgefühl, Schwierigkeit, Grenzen zu setzen... 

Aber wie sollen wir an uns selbst arbeiten, wenn wir bereits erschöpft und unter Druck sind? Haben wir noch die Kraft, unser Verhalten zu hinterfragen? Wir alle sind Menschen und haben unsere Grenzen. Aber vielleicht würde uns diese Auseinandersetzung mit uns selbst letztlich bessere und freie Entscheidungen ermöglichen, die eher unseren wirklichen Wünschen entsprechen. Vielleicht könnten wir uns so besser verstehen und weiter kommen.

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